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Gretchen 89ff.Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?Ich schloss doch ganz gewiss den Schrein. Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne sein? Wer möchte das wissen? Gretchen, die bekannteste Jungfer deutscher Theaterseligkeit im klassischen Outfit mit Zöpfen und Nachthemd? Oder etwa Gretchen, die neugierige kleine Schlampe mit Bikinihöschen und gepiercten Brustwarzen? Ist sie naiv oder abgebrüht, intelligent oder debil, hübsch oder hässlich, die süße Maid? Auf alle diese Fragen weiß einer im Theater immer eine Antwort: der Regisseur. Er entscheidet auch, ob das ominöse Kästchen eine Goldschatulle ist, ein Pizzakarton oder ein blauer Müllsack, und keine Schauspielerin darf sich sicher sein, ob sie wirklich Schmuck darin findet ... Ob der Regisseur sich durchsetzt, liegt nicht nur am Verfallsdatum seines Charismas oder am Trash-Wert seiner fixen Idee, sondern wesentlich auch an der kriminellen Energie des Ensembles, der Fähigkeit Fallen zu stellen und Intrigen zu spinnen und - soweit es Gretchen angeht – an der mehr oder weniger ausgeprägten Widerständigkeit der Darstellerin. Nur eins ist klar: Regisseure haben eine Macke und Schauspieler eine Selbstdarstellungsneurose. Oder umgekehrt. Gemeinsam leiden sie an der Welt da draußen, und ziehen sich am liebsten in ihren Schutzraum, das Theater zurück, um zu proben, wie der Ernst des Lebens durch die Kunst erträglich gemacht werden kann. Hinter den Kulissen blühen die Klischees und die Künstler pflegen ihre Marotten. Sie denken nur an das eine. In diesem Falle an die eine berühmte Passage aus Theaterdirektor Goethes „Faust“, in dem Gretchen ein Schmuckkästchen findet. In einer Reihe von kabarettistisch zugespitzten Sketchen treffen jene Witzfiguren der Bühnenscheinwelt aufeinander, die unser anekdotisches Halbwissen vom Theater geprägt haben. Und kein Klischee ist so an den Haaren herbeigezogen, dass es nicht von der Wirklichkeit hinter den Kulissen noch übertroffen würde. Der sexbesessene Psychologe, der Schmerzensmann, der Streicher, die Dramaturgin – Archetypen eines ganz bestimmten Regiestils treffen auf Archetypen weiblicher Bühnenkunst wie die Diva und die Anfängerin. Alle proben sie die berühmte Gretchen-Szene. Was dabei herauskommt, ist jedesmal ein Zusammenprall der besonderen Art. In höchst vergnüglichen, pointierten Dialogen wird hier die schillernde Welt des Theaters persifliert und vom Kopf auf den Bauch gedreht. „Mit welcher Heftigkeit wirken sie gegeneinander! Und nur die kleinlichste Eigenliebe, der beschränkteste Eigennutz macht, daß sie sich miteinander verbinden. Vom wechselseitigen Betragen ist gar die Rede nicht; ein ewiges Misstrauen wird heimliche Tücke und schändliche Reden unterhalten. Jeder macht Anspruch auf die unbedingteste Achtung, jeder ist empfindlich gegen den mindesten Tadel. Das hat er selbst alles schon besser gewusst!“ ( Goethe über Schauspieler ) |
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weitere Termine: Fr 13.12. - So 15.12.2002 Fr. 24.01 & Sa. 25.01.2003 |
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Kartenvorbestellung:
Tel.Nr. 02 31 / 14 25 25
Fax.: 0231/ 14 17 19
e-mail: info@fletch-bizzel.de
Pressekritik |
Ruhr Nachrichten Montag 4.03.2002 |
| Gretchens Duell mit der Regie |
| Theaterkabarett von Lutz Hübner
feierte Freitag im Fletch Bizzel umjubelte Premiere Der Regisseur und die Schauspieler. „Zwei Angstgegner. Von Ihnen hängt ab, ob Sie als Publikum ein Stück erleben oder erleiden.“ Der Theaterdirektor in Lutz Hübners Persiflage
„Gretchen 89ff.“ kennt sie alle: den biederen Regisseur mit dem staubtrockenen
Humor, den kettenrauchenden Experimentierer, der die Extreme sucht, den
Hilflosen, den die Diva ins Verderben stürzt, und „den Streicher“,
dessen Inszenierungen möglichst knapp, von Überflüssigem
befreit sind. Alles Regisseure, die den Boden dafür bereiten, dass
man ein Stück erleiden muss.
Keinem von ihnen ähnelt Hans-Peter Krüger, denn er hat das „Gretchen 89ff.“ als Koproduktion des Theaters Fletch Bizzel und des Theaters Extemporé so köstlich, humorvoll und witzig inszeniert, dass man diese wunderbare Satire auf das Theater am liebsten noch ein zweites Mal sehen möchte. Scheitern am „Faust“ An den Seiten 89 folgende aus Goethes „Faust I“, der Gretchenszene , scheitern Regisseure und Schauspielerinnen in Hübners Stück. Achtmal wechseln Jule Vollmer und Martin Molitor blitzschnell die Rollen und schlüpfen in Figuren, deren Charaktere sie pointiert ausleuchten und hinreißend persiflieren. Jeder Regisseur hätte an den beiden großartigen Schauspielern seine helle Freude. Vortrefflich amüsiert Martin Molitor als biederer Regisseur mit einem trockenen Humor a la Loriot, wunderbar einfältig spielt er den „Streicher“, der Goethe am liebsten auf einen Satz reduzieren möchte. Köstlich ist Jule Vollmer als empörte Diva und Jungschau-spielerin, die „mal was anbieten möchte“. Man muss das Theater schon sehr genau kennen, um so ein Theaterkabarett zu schreiben. Jedes Stadttheater hat solche Dramaturginnen, so einsam-tragische Theoretikerinnen mit Papierbergen unterm Arm wie Hübner sie in seinem Stück stolzieren lässt. Und so staunende Hospitanten – „Germanistikstudenten mit problematischer Mischhaut“, wie Hübner sie beschreibt. Charmanter Direktor Udo Pasterny ist der Theaterdirektor, der innerlich kopfschüttelnd das Publikum in die Probierstuben der Regisseure führt. Galant wie ein Johannes Heesters-Verschnitt und mit der charmanten Ironie eines Gentleman führt er das Publikum durch die kurzweiligen anderthalb Stunden. Dieses „Gretchen“ sollte ein Pflichstück für alle Regisseure werden. Damit das Publikum weiter mit so viel Freude wie in dieser Produktion Theater erleben darf. – Julia Gaß |
WAZ Montag 4.03.2002 |
| Herr Regisseur verzweifelt und Gretchen hechelt |
| Höchst vergnügliche Premiere
begeisterte das Publikum im Fletch Bizzel – Prototypen der Theaterwelt
karikiert Der Spaß beginnt, bevor der Vorhang sich öffnet. Inmitten des gespannt wartenden Publikums lümmelt sich in der Cafeteria des Fletch Bizzel eine mit Brandy abgefüllte Schauspielerin auf dem Barhocker, lallt: „Alle machen Karriere. Und ich? Hänge in diesem Kaff.“ Als eine der vielen hoffnungsvollen und abgedrehten Figuren, die sich im Tollhaus Theater behaupten. Im täglichen Kampf gegen ebenso durchgeknallte Regisseure. Wie dieses Überleben aussieht, zeigte das Theater Fletch Bizzel am Freitag bei der Premiere der höchst vergnüglichen Komödie „Gretchen 89ff.“ Regisseur Hans-Peter Krüger karikiert in dem Stück von Lutz Hübner anhand einer einzigen Szene – als Gretchen in Goethes „Faust“ den Schmuckkasten entdeckt, den Mephisto herbei geschafft hat – die Proto-Typen der Theaterwelt. Und lässt dabei zum Vergnügen des Publikums kein Klischee aus. „Wir beginnen mit der Nachwuchskraft, die schon bald begreift, dass vier Jahre Schauspiel-Studium und drei Workshops eine vergebliche Zeit ihres Lebens waren“, lässt der Theater-Direktor nichts Gutes ahnen. Allein Udo Pasterny, der in Frack und Zylinder mit Grabesstimme seinen Berufsstand mit süffisant-zynischen Bemerkungen durch den Kakao zieht, ist eine Schau für sich. Einfach komisch auch das Gespann Jule Vollmer und Martin Molitor, das jeweils alle Gretchen und Regisseur-Typen herrlich überzeichnet spielt. Heftig hechelnd – wenigstens Atemübungen hat man schließlich im Studium gelernt – stürzt da ein übereifriges Wesen auf die Bühne, bombadiert den sowieso reichlich genervten Regisseur mit Vorschlägen. Der antwortet, sichtlich um Fassung und Geduld bemüht: „Ich glaube, Frau Kowalski, das hat etwas mit Faust zu tun.“. Spaß macht auch der „Schmerzensmann“, der, kaugummikauend und in schwarzem Leder gewandt, verbal auf sein Opfer eindrischt: „Man muss ja ne Menge aufbrechen bei Dir. Komm, mach, sonst bist Du zu alt für die Rolle.“ Oder der „Streicher“, dessen Lieblingssatz lautet:: „Du, sag mal, brauchen wir das? Du, ich glaub´, ich streich das.“ Zwar ist auf und hinter der Bühne niemand normal, trotzdem ist sich der Hospitant am Ende sicher: „Theater ist toll.“ Fand das Publikum nach der Premiere auch. – K.M. |
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